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Tag 44
Mittwoch, 29.08.1956 (8825- 8911 = 86 km), Katlanovo - Kacanik
Um 5 Uhr sind wir aufgestanden. Wolfgang hat seine Zündung, die nicht mehr in Ordnung ist, nachgesehen, während ich mich mit der Schaltung beschäftigt habe. Ich habe es aber zu intensiv gemacht, und dabei die Schaltstange abgebrochen.
9.30 Uhr kamen wir etwa los. Der Zeltplatz lag sehr günstig, da die Zelte immer im Schatten blieben. Um wenigstens die Fahrt bis nach Skopje ohne Schaltstange zu ermöglichen, habe ich vom Schalthebel aus nach vorne zum Sturzbügel und nach hinten zum Gepäckträger einen Bindfaden angebracht. Diese beiden Enden habe ich vereinigt und so durch Zug nach vorne den ersten Gang und durch Zug nach hinten die übrigen Gänge einschalten können. Es ging allerdings nicht ganz so glatt,wie ich es hier schreibe, aber wir konnten doch immerhin im vierten Gang bis nach Skopje fahren. Es kam mir auf der Strecke bis dorthin auch glücklicherweise niemand in den Weg, so dass ich mit dem Schalten keine Schwierigkeiten hatte.
Die Straße führte uns durch eine Ebene, in der viel Landwirtschaft getrieben wurde. Wir kamen nach Skopje auf der Straße, an der wir auf der Hinfahrt getankt hatten. Sie führt wenig später mit der aus Belgrad kommenden gemeinsam nach Skopje hinein. In Skopje fuhren wir zuerst zur Werkstatt, die Wolfgangs Schutzblech auf der Hinfahrt gut geschweißt hatten. Sie waren sehr freundlich, haben die Schaltstange gleich geschweißt und wollten kein Geld dafür nehmen. Eigentlich wollte ich noch den Nippel am Schaltzug hart löten lassen, habe es dann aber doch gelassen, weil ich die von Hannelore erbetenen Ersatzteile erwartete.
Anschließend sind wir zur Post gefahren. Nachdem eine Person dort die Briefe durchgesehen hatte, sie unterhielt sich dabei und war anscheinend nicht bei der Sache, sagte sie, es wäre nichts für mich dabei, auch kein Päckchen. Erst als ich sehr energisch darauf bestand, dass etwas da sein müsste, sah sie noch einmal in einem anderen Fach nach, und dort lag dann auch der Schein für das Päckchen. 215 Dinare musste ich vorher bezahlen und 80 Dinare beim Abholen. Ich habe mich sehr gefreut, dass es mit den Ersatzteilen geklappt hat und Hannelore mich trotz des Examens nicht im Stich gelassen hatte. Besonders haben sich unsere Gaumen über die Schokolinsen und die Schokolade gefreut, die Hannelore mit eingelegt hatte. Von der Post ging es dann zum Krankenhaus, wo wir Dr. Borislav Vajusin besuchen wollten, mit dem wir in Ohrid angeregt diskutiert hatten.
Als wir aus der Post kamen, stand bei unseren Maschinen zufällig ein Beamter der Sozialversicherung, der Dr. Vajusin kannte und uns zu ihm führen konnte. Dr. Vajusin ist Direkt r des Instituts für Bluttransfusion und Leiter des Roten Kreuzes in Macedonien. Er freute sich über unser Kommen, und wir haben wieder etwas über Politik diskutiert. Es drehte sich diesmal um das Verbot der KPD. Er sagte, daß es immer so sei: erst Soldaten, dadurch Macht und dann Unterdrückung. Zwei Tassen guten Mokka haben wir dabei getrunken. Es ist uns hier wieder besonders aufgefallen, welch riesiger Unterschied in Jugoslawien zwischen Arm und Reich herrscht. Wie auf den meisten Gebieten findet man auch hier in einem Lande die Extreme mit einer für uns erstaunlichen Reibungslosigkeit nebeneinander existieren.
Nach der Politik hat er uns von seiner Arbeit erzählt. Er arbeitet mit Wissenschaftlern aus Deutschland, Frankreich, England und Amerika zusammen. Besonders interessiert ihn das Problem, Tierblut bzw. Plasma auf den Menschen übertragen zu können. Anschließend zeigte er uns sein Institut, das im Keller untergebracht war, aber bald in einen Neubau verlegt würde.
Etwa 13 Uhr haben wir uns wieder verabschiedet. Das Krankenhaus macht eigentlich einen ordentlichen Eindruck. Wir haben dann in der Nähe des Bahnhofs jeder 20 DM getauscht und sind zum Tanken zu dem schon bekannten Benzinlager außerhalb der Stadt gefahren. In Skopje, der Hauptstadt von Macedonien, gibt es keine vernünftige Tankstelle. Eine Birne von Wolfgangs Lampe haben wir beim Nachprüfen seiner Batterie bei mir durchgebrannt, da ich 12 Volt habe, und eine Ersatzbirne brannte bei ihm auch noch durch, so dass er jetzt ohne Birne fahren musste. In der Stadt haben wir dann Aqua dest. in einer Apotheke gekauft, d. h. es ist uns geschenkt worden. 
Etwa 15 Uhr fuhren wir aus Skopje ab. Erst ging es durch die Ebene von Skopje und dann im Tal der Lepenac zwischen nicht sehr hohen Berge weiter nach Kacanik. Man merkt hier aber schon deutlich, daß die Berge grüner und die Büsche höher werden, auch sind Bäume schon keine Seltenheit mehr. Wir kamen also schon wieder in andere klimatische Verhältnisse.
In Kacanik, einem sehr ärmlichen mohammedanischen Dorf, haben wir den Schwager unseres Kommilitonen Kikovic besucht. Er arbeitet am Bahnhof als Kassenwart und wohnt dort auch. Herr Dulovic machte einen netten, intelligenten Eindruck. Seine Frau Druginia pflegte gerade die Mutter von Dulovic in Ivangrad und war deshalb nicht anwesend. Herr Dulovic hat sich sehr gefreut, dass wir ihn besucht haben. Er hat uns in seiner Wohnung mit gutem montenegrinischen Slivovic bewirtet und außerdem mit reichlich Zigaretten. Mir schmeckte der Slivovic schauderhaft, und das Rauchen war eine Qual, aber wir konnten es ihm ja nicht abschlagen. Er hat noch einen Brief an Kikovic geschrieben, während wir uns gewas chen haben, und dann ging es weiter.
Etwa 5 km hinter Kacanik in der Nähe des Dorfes Reka sind wir auf einer schönen grünen Wiese vom Wege abgefahren und haben hinter Bäumen die Zelte aufgeschlagen. Zufällig hatten wir Pflaumen in der Nähe und konnten wieder reichlich essen. Einige 100 m entfernt lag ein Haus, in dem zwei Hirtenbrüder wohnten und das Vieh versorgten. Die Eltern lebten in dem 2 km entfernten Dorf. Abends besuchten uns die Brüder. Sie machten schon wieder einen ziemlich zerlumpten Eindruck. Nach dem Essen haben wir uns 21 Uhr zum Schlafen gelegt.
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