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Tag 46
Freitag, 31.08.1956 (9052 - 9140 = 88 km), Decane - Lim-Tal
5.15 Uhr sind wir aufgestanden. Die Lenkung musste ich wieder etwas lockerer stellen, und dann habe ich eine Probefahrt gemacht. Die Maschine muckte aber immer noch. Ich habe die Lichtmaschine noch einmal nachgesehen und eine Brücke an den Kontakten gefunden. Als ich fertig war, hat Wolfgang bei sich eine Panne im Hinterrad entdeckt, d. h. einen Nagel, der aber anscheinend noch dicht hielt. Erst beim Herausziehen zischte es. Während Wolfgang geflickt hat, habe ich eine Karte nach Hause geschrieben.
11.45 Uhr kamen wir dann endlich los. Es war heute der Wurm drin. Durch das Tal konnte man im Westen hohe Berge sehen, um die sich leichte Wolken sammelten und bald wieder verloren. Durch d ie Ebene, an die sich nach Westen (links) hohe Gebirge anschlossen, fuhren wir dann nach Pec (sogenannt nach den Höhlen = Pecina die sich in großer Zahl dort finden).
Pec liegt am Fuße hoher Berge; Es ist ein kleines Städtchen und sehr ärmlich. Hier haben wir getankt und eingekauft. Nach Westen ging es dann auf der Straße nach Titograd aus Pec hinaus zu dem nahegelegenen Pedka Monastir (Pecker Kloster).
Besonders sehenswürdig ist hier die Kirche, oder besser gesagt der Kirchenkomplex. In einem Komplex liegen hier drei Kirchen und eine Kapelle. Den Mittelpunkt bildet die Apostelkirche, an die links die St. Demetrius -Kirche und rechts die Mutter-Gottes-Kirche angebaut sind. Alle drei Kirchen sind von einer gemeinsamen Vorhalle aus zugängig. Außen an der Mutter-Gottes-Kirche liegt dann noch die St. Nikolaus-Kapelle. Alle Räume sind fast bis auf den letzten freien Fleck mit herrlichen Fresken ausgefüllt, deren Vielzahl man in so kurzer Zeit gar nicht aufnehmen kann. Fast in allen alten Kirchen in Jugoslawien sind kostbare Fresken erhalten. Die drei Kirchen sind alle Kreuzkuppelbauten, und als Kuppelabschluß findet sich überall der Pantokrat wie in Daphni. Die Kirchen stammen aus dem 14. Jahrhundert und weisen in ihren Fresken gewisse Ähnlichkeit mit denen der Mutter-Gottes-Kirche in Prizren auf, die auch aus dem 14. Jahrhundert stammt. Das Pedker Kloster ist von einer Mauer umgeben und liegt wunderschön zwischen Bergen. 
15.30 Uhr fuhren wir von hier im Tal der Pecka Bistrica in die Berge hinein. Steil fallen die hohen Felsen ab, und die Straße führt uns unter überhängenden Felsen hindurch und durch Tunnel. Wir stiegen allmählich höher. Hier bockte der Roller wieder und ich musste abschnallen, um an die Lichtmaschine heranzukommen. An Hand der Störungen, die im Anleitungsbuch aufgezählt sind, haben wir dann auch das Corpus delicti gefunden. Die Kontaktabstände waren zu klein.
Um 17 Uhr kamen wir wieder weiter. Die Straße stieg und stieg in das raue Gebirge. Die Landschaft sieht hier wie in den Alpen aus: Fichten, Almen, Gebirgsbäche und kühler Wind. Von Bjeluha aus ging es in steilen Serpentinen bis auf ca. 1800 m zum Cakor-Pass. Es war schon recht kühl, weil die Auffahrt bereits im Schatten lag. Wir haben regelrecht gefroren. 
Vom Pass aus hatten wir einen herrlichen Blick auf die vielen gewaltigen Gebirgsmassive, besonders in Richtung Albanien. Tief unten schlängelte sich zu beiden Seiten die Straße dahin. Hier oben stürzte eine Meute Jungs mit Heidelbeeren auf uns ein und wollte etwas verkaufen. An den flachen Hängen ziehen sich die Felder und Häuser bis zum Pass hinauf. Ein hartes Völkchen muss hier wohnen. In Serpentinen fuhren wir dann wieder abwärts, teilweise in der Sonne. Tief unten war aber schon wieder Schatten, und damit wurde es auch recht kühl.
Viel Obst, besonders Pflaumen, wuchs hier waldartig am Hang. Im Tal des Lim, in das wir hinuntergefahren waren, sind wir bald von der Straße abgeschwenkt, nachdem wir vorher Wasser getankt hatten. Auf einem halsbrecherischem Hirtenpfad fuhren wir auf eine mit Büschen bestandenen Fläche hinunter. Sie lag in der Nähe des Lim, den wir rauschen hörten. Hier haben wir unsere Zelte aufgeschlagen und uns dann im Lim gewaschen. Das Wasser war glücklicherweise nicht so kalt wie am Vortage beim Kloster Decane. Nach dem Kochen haben wir gegessen und sind 21.15 Uhr in die Falle gegangen.
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