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Tag 47
Sonnabend, 01.09.1956 (9140 - 9281 = 141 km), Lim-Tal - Titograd
Um 5 Uhr sind wir aufgestanden. Die Nacht war sehr kalt, so dass ich mir Trainingshose und Jacke anziehen musste. Es hatte sehr stark getaut und dadurch war alles sehr feucht.
Wolfgang musste seinen Reißverschluss am Zelt in einen Bindfadenverschluss umwandeln, da er ihn heute Nacht betriebsunfähig gemacht hatte. Inzwischen war es 7 Uhr geworden, und die Sonne schien schon angenehm auf das Zeltdach, so dass es schön trocknete. Nach so einer kalten Nacht tat die Warme gut. Wie relativ doch alles ist. Vor wenigen Tagen haben wir noch über die Sonne gestöhnt, wenn sie schon um 7 Uhr auf das Zelt schien, und heute haben wir uns nach ihr gesehnt.
 Nach dem Essen und Packen fuhren wir 9.30 Uhr ab. Wir mussten uns beim Hinauffahren auf die Straße gegenseit g unterstützen, da die Steigung sehr steil war und viele Steine auf dem schmalen Pfad lagen. Im Lim-Tal, das allmählich etwas weiter wurde, fuhren wir bis Andrijevica‚ einem Städtchen mit vielen holzgedeckten Häusern, die ihm ein altes und verträumtes Aussehen geben. Es liegt von Bergen umgeben am Zusammenfluss dreier Gewässer.
Hier machte meine Zünkerze nicht mehr mit, und ich musste sie auswechseln. In Serpentinen mussten wir dann wieder stark bis auf ca. 1600 m steigen. An dem Ackerbau merkt man deutlich, dass hier raueres Klima herrscht. Das Korn steht teilweise noch auf den Halmen, und der Mais ist noch grün, während man in Skopje und im F lachland schon bei der Ernte war.
Auf dem Paß hatten wir einen herrlichen Blick zum Komovi (2484 m) mit seinen zwei Spitzen. Hier ist die Gegend fast ausschließlich mit Buchen bestanden, während wir am Cakor-Paß nur Fichten gesehen hatten, aber er ist auch 250 m höher. Eine gewaltige und wunderschöne Berglandschaft ist Montenegro und bisher im Aussehen fast wie die Alpen, nur viel unberührter.
Vom Paß zog sich die Straße in Schlängelungen hinab ins Tal. Kurz vor Matesevo hatte Wolfgang Panne, so dass wir erst flicken mussten und dadurch eine Stunde Aufenthalt hatten. Von hier aus war die Straße schlecht, während sie bisher für jugoslawische Verhältnisse ganz ordentlich war, wenn auch sehr staubig.
Bei Lijeva Rijeka mußten wir noch einmal über eine kleine Erhebung, und dann kamen wir nach einigen Kilometern etwa bei Pelev Brijeg in Karstgebiet. Der Wechsel kam ganz plötzlich. Überall blickte zwischen den niedrigen buschartigen Buchen der graue Karstfelsen hindurch und gab der Landschaft ein kaltes und tristes Aussehen. Noch einmal mussten wir in die Höhe, und dann ging es abwärts in die Ebene von Titograd. Die Vegetation wurde magerer, und es bot sich etwa ein Bild wie an der Küste.
Kurz vor Titograd trafen wir auf Asphalt und kamen schnell in die Stadt. Titograd besitzt einen neuen Teil mit großen Wohnblocks und üppigen Bauten für Zentralkomitee der KPJ, Bank, Post und einem sehr luxuriösen Hotel. Diese Prachtbauten stehen alle an einer breiten Straße, die abends von Bogenlampen beleuchtet wird. Wie uns ein Deutscher sagte, den wir auf der Straße trafen und der in Cetinje eine Fabrik aufbaut, haben diese Häuser deutsche Kriegsgefangene aufgebaut.
 Jenseits der Prachtstraße und des Flusses Moraco liegt die ärmliche Altstadt mit ihren Minaretten und Moscheen. Titograd war wohl auch eine ruhige mohammedanische Stadt, bevor es durch die Bauerei aus seinem Schlaf geweckt wurde. In Titograd haben wir im modernen Stadtteil eingekauft und wollten auch tanken, aber die Tankstelle hatte kein Benzin mehr.
Auf entsetzlichem Staubfeldweg mussten wir einige Kilometer hinausfahren zum Magazin, wo wir dann unser Benzin bekamen. Auf dem Rückweg haben wir uns an einem Wohnblock gewaschen, der mit einigen anderen außerhalb der Muselmanenstadt ohne Straßen einfach in die Gegend gesetzt worden ist.
Von hier aus fuhren wir auf die Straße und in Richtung Cetinje aus der Stadt wieder hinaus. Es war inzwischen schon dunkel geworden. Am Ende der Asphaltstraße sind wir seitlich abgebogen und haben auf einer trockenen Wiese einige 100 m neben der Straße unsere Zelte aufgebaut.
Mich beunruhigt etwas der hohe Benzinverbrauch vom Roller. Ich habe von Skopje bis hierher auf etwa 400 km 15 Liter verbraucht. Morgen will ich einmal genau auf den Verbrauch achten. Wir waren recht müde und sind um 22 Uhr in die Kojen gegangen.
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