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Tag 45
Donnerstag, 30.08.1956 (8911 - 9052 = 141 km) Kacanik - Decane
Um 5.15 Uhr sind wir aufgestanden. Wir hatten von unserem Zeltplatz einen schönen Blick auf das Tal der Lepenac und die gegenüberliegenden Berge, die z.T. recht hoch sind.
Heute morgen haben wir viel Besuch gehabt. Die beiden Brüder und zwei andere Bewohner des Dorfes Reka waren gekommen. Sie hatten alle selbstgemachte Schuhe an und waren Mohammedaner, wie die meisten in dieser Gegend. Die beiden Hirten erzählten uns, dass sie hier 2 Ochsen, 5 Kühe und 50 Schafe zu versorgen hätten, die ihnen gehörten. Die Kühe gäben aber am Tage nur zwei Liter. 
10 Uhr fuhren wir ab. Durch eine nicht sehr weite Ebene ging es nach Urosevac, einem ärmlichen, etwas größeren Dorf. Dort haben wir uns einen Filzdeckel, wie ihn die Mohammedaner hier tragen, für 100 Dinare gekauft. Die Fabrikation haben wir uns dabei kurz angesehen. Ein abgewogener Haufen Wolle wird durch eine Saite, die in, einen Bogen gespannt ist und durch Reißen mit einem Holzstück zum Schwingen gebracht wird, aufgelockert. Dann wird die Wolle mit Seife eingeschmiert und mit der Hand auf eine Form gepresst, wo sie trocknet.
Von hier aus ging es dann nach Stimlje weiter. Das Land wurde schon wieder hügelig, und man sah in der Ferne hohe Berge. Die Straße führte nun nach Südwesten über die Crnoljeva-Berge hinweg. Wir erreichten hier eine Höhe von 975 m. Die Steigungen waren aber nicht sehr stark. Ein weiter Blick auf die Ebene des Beli Drim und im Hintergrund auf die hohen Berge tat sich vor uns auf. Diese Berge gehörten teils schon zu Albanien.
Die Ebene war so dunstig, dass man meinte,immer durch einen Nebelschleier zu fahren. Über Suva Reka, wo Wolfgang die Lenkung nachstellen musste, fuhren wir nach Prizren, einem leicht orientalischen, für diese Gegend typischen Städtchen. Es hatte im Mittelalter große Bedeutung. Der Zar von Serbien regierte hier in der Nähe, und es saßen in der Stadt viele Kaufleute aus Dubrovnik, wodurch der Handel sehr blühte. 
Im Jahre 1455 wurde es von den Türken eingenommen, die Zarenresidenz zerstört, und damit sank seine Bedeutung bis zum völligen Erlöschen. Die Moschee des Simon Pascha konnten wir uns hier leider nicht ansehen, da sie wegen Reparaturen geschlossen war. Sie soll die monumentalste in ganz Serbien sein.
Die Bogorodica-Ljeviska-Kirche haben wir uns dann noch angesehen. Sie stammt in ihrem heutigen Grundriss aus dem Jahre 1307. Es sind aber Teile einer älteren, aus byzantinischer Zeit stammenden Kirche mit eingebaut worden. Die Türken haben in ihrer Besetzungszeit die vielen wertvollen Fresken überputzt, die aber heute wieder freigelegt sind. Leider haben die Türken, um eine Rauhigkeit für den Halt des Putzes in die Wand zu bekommen, viele Löcher in die Fresken gehauen. Die Farben sind wohl alle noch bis auf das Rot in alter Frische erhalten. Durch das verblasste Rot tritt das Grün besond ers hervor. Die Kirche ist im Kern ein Kreuzkuppelbau mit seitlichen sehr schmalen Schiffen und hinter Bögen nach außen anschließenden breiteren Schiffen.
Ein kleines Eis haben wir uns in Prizren noch zu Gemüte geführt und sind dann durch die Ebene über Dacovica nach Decane gefahren. Linker Hand liegen nach Albanien hin hohe Berge. In der Ebene wird viel Mais gebaut, den man gerade erntete. Mais ist in ganz Jugoslawien viel zu sehen und ist der Hauptbestandteil des Brotes. An den Vortagen hatten wir auch Sonnenblumen-Felder gesehen. Auf dem heutigen Wege sind wir an einigen größeren, staatlichen Landwirtschaften vorüber gekommen. Die Vegetation wird allmählich immer reicher. Hohe Bäume und grüne Hänge sind nicht mehr selten.
Vom Dorf Decane fuhren wir zum Kloster Decane, das zwei Kilometer entfernt am Anfang eines Tales liegt. Es leben hier heute nur noch drei Mönche und einige andere Menschen, von denen wir allerdings nicht genau wissen, ob sie hier auch wohnen und wie lange.
In einem durch Mauer und Häuser abgegrenzten Bezirk liegt die Klosterkirche, die schon äußerlich durch ihre aus verschieden farbigem Marmor errichteten Wänden eindrucksvoll ist. Parallel zum Boden wechseln Streifen von gelblich-grauen und rot geädertem Marmor. Innen findet sich eine Menge von Malereien. Wie in allen Klöstern wurde auch hier jeder Winkel ausgenutzt. Die Kirche besitzt eine hohe Kuppel. Als wir sie besichtigen wollten, beteten die Mönche und wohl ein Priester von außerhalb gerade. Wir mussten deshalb eine Zeit lang warten. Die Kirche machte innen einen unordentlichen Eindruck.
Das Kloster liegt wunderbar in dem Tal der Decanska Bistrica inmitten einer grünen und bergigen Umgebung. Im Kloster haben wir Wasser getankt, da es schon spät war und die Sonne bald untergehen würde. Unterhalb des Klosters an der Decanska Bistrica haben wir in der Nähe von jugoslawischen Zelten unser Lager aufgebaut.
Da meine Maschine heute einige Male gebockt hatte, habe ich mich gleich daran gemacht, aber nicht viel entdecken können. Die Zündkerze war etwas locker, aber das kann kaum der Grund gewesen sein. Hoffentlich klappt es morgen wieder.
In dem eiskalten Wasser des Flusses haben wir Wäsche gewaschen und uns nach dem Essen gleich um 22 Uhr hingelegt.
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