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Tag 49
Montag, 03.09.1956 (9342 - 9417 = 75 km), Cetinje - Hercegnovi
Um 6 Uhr sind wir aufgestanden. Der hohe Benzinverbrauch kommt wahrscheinlich von dem schlechten Benzin, das durch seine Rückstände die Ventile undicht gemacht hat. Da die Ventile also doch nachgesehen werden mussten, haben wir uns entschlossen, es gleich zu machen.
Wir haben erst unsere Zelte abgebaut und alles gepackt und uns dann in den Schatten verzogen. Hier haben wir den Zylinderkopf abmontiert und viel Dreck vorgefunden. Besonders war das Auslassventil verschmutzt. Mit großer Mühe und Sorgfalt haben wir mit Hilfe von Messer und Schraubenschlüssel die Ventile vom Rückstand so gut es ging gesäubert. Wir hätten eigentlich Schmirgelpaste dazu gebraucht, aber hier war ja keine zu bekommen. Dann haben wir den Zylinder und alles andere wieder zusammengebaut und konnten am Schluss zufrieden sein, als kein zweiter Roller übriggeblieben war. Die Säuberung war bitter nötig gewesen, und deshalb war es auch richtig, daß wir uns gleich daran gemacht haben. Der Ölverbrauch war so hoch gewesen, weil durch die Schleuderschmierung das Öl auf die Ventile gespritzt wird und durch das undichte Ventil in den Zylinder gelangt, wo es verlorengeht.
 Die letzten Tage haben wir viel mit den Maschinen zu tun gehabt, und man verliert dabei allmählich die Lust. Jetzt scheint aber alles wieder in Ordnung zu sein. Um 15 Uhr kamen wir los. 
Es ging wieder in den Karst hinein und nach einigen Kilometern hatten wir einen überwältigenden Blick auf die Boka Kotorska (Bucht von Kotor) und die in die Ferne liegende Adria. Aus gut 1000 m Höhe sahen wir herab,und die Häuser und Schiffe lagen dort wie Spielzeug. Die Bucht von Kotor besteht eigentlich aus fünf Buchten: der Bucht von Obostnik, der Bucht von Hercegnovi, der Bucht von Tivat, der Bucht von Risan und der Bucht von Kotor.
 Alle Buchten sind durch hohe Felszungen voneinander getrennt und durch schmale Engen miteinander verbunden. Vom Lovcen aus, von dem wir den herrlichen Blick auf die Buchten und das Meer hatten, fuhren wir in 25 Haarnadelkurven und Serpentinen nach Kotor hinab. Das Städtchen liegt friedlich am Ende der Bucht von Kotor. 
Die alte Stadt befindet sich innerhalb der Stadtmauer, die fast ans Wasser reicht und von dort etwa 500 m in starkem Zickzack am Berge hinaufklettert und hier von einer Festung abgeschlossen wird. In diesem von der Stadtmauer umgebenen Bezirk findet man verhältnismäßig hohe Häuser (2- bis 5-stöckig), da der Raum innerhalb der Mauer beschränkt ist, und enge winklige Straßen, die trotz der Mittagshitze angenehm kühl und schattig sind. In den südlichen Breiten sind die engen Gassen sehr angebracht.
In der Stadt haben wir uns die St. Triphunkirche angesehen, deren zwei Glockentürme weithin sichtbar sind. Sie ist eine katholische Kirche und besitzt viele Reliquien und Bilder, die in einer kleinen seitlich in Höhe des Daches ausgebauten Kapelle aufbewahrt werden. Eine kleine griechisch-orthodoxe Kirche wollten wir uns noch ansehen, sie war aber geschlossen.
 Von Kotor aus ging die Fahrt dann am Ufer der Bucht entlang. Viele kleine Orte liegen hier, so dass man kaum merkt, wo der eine aufhört und der nächste anfängt. Wir konnten uns hier unten am Wasser kaum noch vorstellen, dass wir über die hohen, steilen Berge vom Lovcen aus hinwegsehen konnten bis aufs Meer hinaus.
Einer der kleinen Orte an der Bucht ist Perast. Er liegt zwischen der Bucht von Kotor im engeren Sinne und der Bucht von Risan. Früher besaß Perast eine bedeutende Handelsflotte, ist heute aber nur noch ein ruhiges Dorf. Eine nicht ganz vollendete Kirche mit einem 55 m hohen Turm steht hier als ein markanter Punkt an der Uferstraße, und über dem Ort thront eine venezianische Zitadelle.
 Vor dem Ufer liegen hier zwei kleine idyllische Inselchen (eine natürliche und eine künstliche) mit je einer Kirche. Am Ufer führt die Straße weiter nach Risan, dem ältesten Ort an der Bucht von Kotor. Er wurde von dem illyrischen Stamm der Rhizoniten gegründet und hat daher seinen Namen.
Kurz hinter Risan hatte Wolfgang einen Unfall. Er war auf den seitlichen Rollsplit gekommen und konnte die Maschine nicht mehr halten. Nach einem "Kopfstand" in dem ca. 3/4 Meter tiefen Graben war er in einem Dornenbusch gelandet und über ihm die Maschine. In dieser Lage fand ich den Unfallort vor. Ich habe einen ziemlichen Schreck bekommen, als ich Wolfgang so sah bzw. nicht mehr sah. Ich dachte,es sei etwas passiert, da er sich nicht rührte.
 Mit Hilfe einiger Männer, die sich inzwischen eingefunden hatten, konnte ich die Maschine wieder auf die Straße bringen und so Wolfgang aus der unangenehmen Lage befreien. Wie sich herausstellte hatte er sich nichts getan. Bis auf einige Dornen, die in Gesicht und Armen steckten, war er heil davongekommen - Gott sei Dank! Nachdem Wolfgang sich gewaschen hatte, und die wunden Stellen desinfiziert waren, konnten wir weiterfahren.
Am Ende der Bucht von Risan kamen wir an die sogenannte Kettenenge, die ihren Namen von der Absperrung hat, die hier früher mit Ketten vorgenommen wurde. Die gegenüberliegenden Berge nähern sich hier weitgehend und schließen die Buchten von Kotor und Risan von den übrigen ab. Auf der anderen Seite weitete sich die Bucht von Tivat nach Osten aus.
 Nach einigen Kilometern kamen wir nach Hercegnovi. Diese Stadt liegt in wunderbar üppiger Vegetation. Viele Pinien‚ Kiefern, Mimosen, Palmen, Ölbäume und Feigen geben reichlich Schatten. Dieser herrliche Landstrich, Riviera von Hercegnovi genannt, erstreckt sich etwa 20 km entlang der Bucht von Kotor mit vielen kleinen Ortschaften. In der Mitte liegt Hercegnovi.
Hier wurde es schon dunkel, und wir mussten uns beeilen, an einen Zeltp1atz zu kommen. Wir haben uns in der Stadt schnell gewaschen‚ und sind dann weitergefahren, bis die Straße vom Ufer ins Land führte. Hier haben wir uns in der Dunkelheit auf einer Wiese neben der Straße niedergelassen und die Zelte aufgebaut. Die Wiese war gegen die Straße durch eine Hecke geschützt. Nach dem Kochen und Essen haben wir uns 22 Uhr zum Schlafen gelegt.
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