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Tag 55
Sonntag, 09.09.1956 (9960 - 10207 = 247 km), Zagreb - Trofaiach
Um 6.15 Uhr sind wir aufgestanden. Die Zelte waren wieder recht nass getaut, es war aber in der Nacht nicht ganz so kühl. Ich hatte auch vorsorglich alles über gedeckt, was mir zur Verfügung stand.
Um 10.30 Uhr fuhren wir wieder los. Die Straße führte weiter durch hügeliges Land mit vielen sauberen Dörfern. Immer noch ist Mais die häufigste Nutzpflanze. Nach einiger Zeit kamen wir wieder in die Ebene und dann nach Varazdin.
Hier habe ich 5 Liter Superbenzin getankt (515 Din.) und dabei mein Geld bis auf einen kleinen Rest ausgegeben. Aus Varazdin fuhren wir dann in Richtung Ptuj = Pettau wieder heraus. Es ging am Rande einer Ebene an Hügeln und Bergen entlang, immer in der Nähe der Drava. Ein herrliches Land ist es hier. Der größere Wohlstand ruht wahrscheinlich von früher her. Der Boden ist hier im Nordosten auch viel fruchtbarer als in den meisten andere Gebieten.
 Ptuj ist ein idyllisches Städtchen am Ufer der Drava = Drau. Es zieht sich an einem Hang hinauf, der von einer Burg gekrönt wird. Die Propsteikirche aus dem 15. Jahrh. ist .auch ein weithin sichtbarer Bau am Hang. Vor ihr steht der Glockenturm etwas seitlich verschoben. Hier befindet sich auch die antike Orpheussäule. Die Häuser sind nett an den Hang geschmiegt u nd bieten von der Drava-Brücke aus ein herrliches Bild. Viel Grün umgibt die Stadt und zieht sich bis in sie hinein. Direkt an den Fluß liegt in einem runden Turm stilgerecht ein Weinmuseum.
Von Ptuj aus ging es durch die Ebene weiter nach Maribor, der Hauptstadt der Steirer Slowenen. Es liegt an dem sanft geschwungenen, bis 1542 m aufsteigenden Pohorje-Gebirge. Es sprechen hier viele deutsch, so dass man sich gut verständigen kann.
 Wir haben uns hier das Schloss angesehen. Es stammt aus dem 15. Jahrh.. Im 16. Jahrh. wurde eine Renaissance-Loggia angebaut und später das ganze Schloss barockisiert. Man kann diese Umbauten bzw. Veränderungen noch gut erkennen. Die Domkirche aus dem 12. Jahrh. wurde ebenfalls oft verändert, u.z. erst gotisiert. Man sieht es noch an den Fenstern, die zuweilen Spitzbogen besitzen, aber ihre ursprüngliche romanische Größe behalten haben. Später wurde dann der Turm im Barockstil erbaut. Das alte Rathaus aus dem 15. Jahrh. besitzt einen schönen Renaissance-Balkon.
Nachdem wir uns dies alles angesehen hatten, kamen wir mit einem Rentner ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er 7000 Dinare Pension bekommt und dass es in Maribor wohl nur 1/4 Kommunisten gibt, die aber so zusammenhalten, dass man nichts gegen sie ausrichten kann. Viele junge Leute flüchten nach Österreich, erzählte er weiter.
Wir haben nun unsere letzten 60 Dinare in Eis angelegt und sind dann aufgebrochen. Durch hügeliges Steirerland führte uns die Straße zur Grenzstation Sentilj. Die Abfertigung ging auf jugoslawischer und österreichischer Seite recht schnell und ohne Kontrolle des Gepäcks. Die Jugoslawische Station war noch vornehmer eingerichtet als die in Gevgelija. Man konnte hier in einer Restauration essen und in einem Putnikbüro alle Auskünfte bekommen.
Wir haben richtig aufgeatmet, als wir wieder in Österreich waren, obwohl wir uns nicht über die Jugoslawen beklagen können. Die erste Strecke in Österreich war das Land no h hügelig und auf den bewaldeten, niedrigen Bergen standen überall Burgen und Kirchen, die weit ins Land sahen. Ein herrlicher Anblick! 
Man merkte deutlich, dass man wieder in Österreich war, nicht an der Landschaft,aber an vielen anderen Dingen. Die Straßen sind voll von Autos, Motorrädern und Rollern, die Dörfer sind schön sauber und die Menschen wieder gut angezogen. An Leibnitz fuhren wir vorüber und kamen allmählich in eine Ebene, die bis nach Graz reicht.
An der Grenze hatte ich Postkarten an Brietzsch und Manfred geschrieben, in denen ich mich bei ihnen angemeldet habe. Hoffentlich kommen sie noch rechtzeitig an, da ich sie erst in Graz einstecken konnte. Hier haben wir uns nichts angesehen, da wir keinen Führer von Österreich hatten und uns deshalb nicht informieren konnten.
 Graz liegt am Rande der Ebene an die Berge angelehnt. Von hier fuhren wir dann im Mur-Tal von Bergen begleitet nach Bruck. Die Mur ist auf dieser Strecke in ein künstliches Bett verlegt, das nur ein geringes Gefalle besitzt, und an einigen Stellen stehen Kraftwerke, die das eingesparte Gefälle zur Stromerzeugung ausnutzen. Es ist eine Freude, in einer so frischen Landschaft zu fahren, nur der Verkehr hätte so wie in Jugoslawien bleiben können.
Bruck ist ein kleines Städtchen, rings von Bergen umgeben. Bis Leoben fuhren wir von Bruck aus auf einer nagelneuen Betonstraße. Ohne jede Unebenheit glitten wir über sie hinweg. Von Leoben aus führte uns die Straße nach Nordwesten weiter. Am Ortsende in dieser Richtung befindet sich eine große Hütte.
Zwischen Trofaiach und Vordernberg haben wir dann einen Bauern gefragt, ob wir bei ihm auf der Wiese zelten könnten, und haben auch gleich freundlich Erlaubnis bekommen. Man muß sich wieder an Fragen gewöhnen. Bisher konnten wir bleiben, wo es uns paßte. Da wir noch viel Lebensmittel hatten, haben wir uns einen dicken Fadennudelpamps gekocht, den wir gar nicht ganz aufessen konnten. Eine Reihe schöner Zahlen sind heute auf dem Tacho erschienen: 9999, 10001, 10101.
Um 21.50 Uhr haben wir uns zum Schlafen hingelegt.
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