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Tag 12
Sonnabend, 28.7.1956 (4535 - 4674 = 139 km), Sarajevo - Vlasenica
Um 4.50 Uhr sind wir aufgestanden. Nach dem Frühstück haben wir uns auf den Weg gemacht, um uns noch einmal in Sarajewo umzusehen. Erst haben wir eine Schraube für den Roller gekauft ( 21 Din. ), die mir bei der Überholung abgerissen war. Dann haben wir versucht, einen neuen Benzinhahn zu kaufen, da bei meinem die Dichtung seit einiger Zeit undicht war. Trotz energischer Bemühungen gelang es uns nicht, einen Benzinhahn aufzutreiben, nicht einmal einen alten. Man war überall sehr freundlich und hilfsbereit und bemühte sich, Abhilfe zu schaffen, aber es war nichts zu machen.
Sarajewo ist eine Großstadt! Wir haben dann die alte Dichtung wieder schlecht und recht zusammengeflickt, so daß es behelfsmäßig ging. Anschließend haben wir uns den Basar angesehen, der in der alten Stadt liegt. Überall wurde rege gehandelt und gefeilscht, wir mußten uns erst allmählich an diese Bräuche gewöhnen. Hier in der Altstadt spielt sich ein großer Teil des Lebens auf der Straße ab, jedenfalls solange die Sonne noch nicht oder nicht mehr so hoch steht. Die Handwerker sitzen vor ihren Türen auf der Straße, und ihre Arbeit (Holzschuhe anfertigen, Kessel flicken usw.) wird auch meistens hier verrichtet.
Nachdem wir so den alten Teil von Sarajewo durchstöbert hatten, haben wir die Beg-Moschee (Abb. re. oben und unten) besichtigt. Es ist ein Kuppelbau von ca. 50m Höhe. Das ganze Innere ist mit Teppichen ausgelegt und es findet sich kein Gestühl. Gegenüber dem Eingang liegt der Altar, der völlig ohne Schmuck in einer Apsis steht. Gepredigt wird von einer 1m hohen Plattform, die direkt an eine Tür angebaut ist. Die Männer knien davor während der Predigt, die Frauen müssen dagegen hinter einer Barriere an der Wand sitzen. Die Beg-Moschee ist eine der größten Moscheen in Jugoslawien und ist im 16. Jahrh. im türkischen Stil erbaut worden.
Von dem moslemischen Führer wurde uns das erste Mal in Jugoslawien angeboten, Geld schwarz zu tauschen. Er bot uns aber nur einen schlechten Kurs an: 1 DM = 100 Dinar. Das war uns zu wenig, und da wir auch im Augenblick genügend Geld in jugoslawischer Währung hatten, haben wir nichts mehr getauscht.
Anschließend haben wir uns dann die tierärztliche Fakultät angesehen (Abb. re.). Sie besteht aus einem verhältnismäßig modernen Gebäude in der Stadt, in dem sich die vorklinischen Disziplinen (außer Anatomie) und die Bakteriologie befinden, und aus den etwa 4 km entfernt liegenden Kliniken. Die Kliniken sind ähnlich wie bei uns eingeteilt, sind aber viel kleiner und viel primitiver eingerichtet. Wir wurden sehr freundlich von einem Assistenten, Dr. Smircek, herumgeführt und haben so einen kleinen Überblick bekommen. Er erzählte uns auch, daß die Ferien in Jugoslawien anders als bei uns liegen, und zwar von Anfang Januar bis Anfang Februar und von Anfang Juni bis Ende September. Die Fakultät hat etwa 500 Studenten. Nach dem Examen gehen die Studenten ähnlich wie bei uns als Praktikanten heraus, müssen es aber nicht. Ihren Doktor machen sie schon vorher. Auf dem Wege durch die Kliniken wurden wir dem parasitologischen Professor vorgestellt, der einen sehr einfachen Eindruck machte. Er zeigte uns sehr stolz sein Institut, das aber schlecht eingerichtet war. Recht modern war dagegen das Institut für Röntgen und Elektrotherapie.
Um 12 Uhr sind wir wieder zum Campingplatz gefahren, haben das Essen gekocht, gegessen und dann gepackt. Etwa 14 Uhr waren wir zur Abfahrt bereit. Von Sarajewo aus, das mit 557m sehr hoch liegt, ging es in Serpentinen in die Berge hinein. Viele herrliche Ausblicke taten sich uns auf (Abb. re.), besonders von den höchsten Stellen, weit über das gebirgige Land. So lag das Land, das den Alpen gleicht, aber etwas unberührter und urwüchsiger ist, vom Romanja-Gebirge aus weithingestreckt unter uns.
In Ljubogosta hatten wir uns vorher verfranzt und sind in falscher Richtung auf einen Berg gefahren. Diese Tatsache allein ist nicht bemerkenswert, aber hier war für uns ein historischer Augenbllck, da ich die erste Panne hatte. Wie sich später herausstellte, hatte ich einen dicken Nagel im Schlauch. Den Schaden konnten wir aber in einer halben Stunde beheben, da ich ein vollstandiges Ersatzrad mithatte und das kaputte nur auszuwechseln braucht; In dieser wunderschönen Gegend wechseln Waldungen (Kiefern, Fichten, Eichen, Buchen) mit Wiesen. die hier sehr häufig waren. Felder gab es in dieser Gegend, besonders in den höheren Lagen, wenig. Es wurde viel Heu geworben. Auch Tiere findet man hier in großer Zahl. Sie werden oft morgens herausgetrieben, weiden den ganzen Tag frei herum und kommen abends bisweilen alleine wieder ins Dorf zurück. 
Vom Romanja-Gebirge aus ging es in etwa 1000m Höhe auf einer schönen Hochebene mit viel extensiver Weidewirtschaft und dazwischen Waldstücken zum Javor-Gebirge. Man merkte kaum, daß man hier 1152m hoch war, da es vom Romanja-Gebirge aus nicht wieder herunterging. Der Wald war hier überall noch in sehr urwüchsigem Zustand. Die umgeworfenen und abgebrochenen Bäume lagen herum und schienen nicht verwertet zu werden. Durch das rauhe Klima und die kalten Winter sind die Spitzen oft abgebrochen oder kahl. An einzelnen Stellen wurde auch Holz geworben (Abb. re. oben und unten) , das von Maultieren und Pferden aus dem Gebirge an die Straße getragen wurde. Ein Zeichen für das kältere Klima und vielleicht auch der größeren Fruchtbarkeit sah man hier viele Pferde, die in Dalmatien und im wärmeren Teil Bosniens völlig vom anspruchsloseren Esel verdrängt waren. Die Pferde sind hier sehr klein, müssen aber zäh sein.
Vom Javor-Gebirge aus hatten wir schließlich einen herrlichen Blick in das steil abfallende Tal mit der Stadt Vlasenica. In starken Windungen ging es oft ziemlich steil talwärts. Schließlich kamen wir nach Vlasenica und fuhren von dort in einem stark geschlängelten Tal weiter abwärts. Etwa 14km hinter Vlasenica haben wir, da es inzwischen schon Abend geworden war, bei einem Holzfäller wegen eines Zeltplatzes angefragt und sofort freundlich Erlaubnis bekommen, auf seiner Wiese hinter einem großen Maisfeld zu zelten, obgleich es ohne polizeiliche Anmeldung eigentlich verboten war. Nach einer schwierigen Fahrt durch das Maisfeld, wobei Wolfgang sich an einem Stein bald die Fußraste abgebrochen hätte, kamen wir auf die Wiese, die herrlich geschützt ein idealer Zeltplatz war. 
Abends haben wir uns mit dem Wirt, Duman Petkowitsch, seinem Vater und den drei Kindern unterhalten. Das eine Kind hatte an jeder Hand doppelte Daumen. So sieht man hier viele Mißbildungen, allerdings besonders an den Beinen (zu kurz, krumm, humpelnd u.s.w.). Es kommt wohl daher, daß die Frauen schwer arbeiten müssen und zu wenig Ruhe haben. Die Leute sind alle sehr zerlumpt, und die Sachen bestehen fast nur noch aus Flicken. Die Straße von Sarajewo bis hierher war recht gut für jugoslawische Verhältnisse. Die Ausbesserung der Straßen ist kein großes Problem, da nur sehr wenige asphaltiert sind. Man wirft einfach Splitt und Schotter in die Löcher. Für diese Arbeit findet man an den Fremdenverkehrsstraßen in bestimmten Abständen Straßenwächter. Der Schotter wird aus großen Steinblöcken, die am Straßenrande von Steinklopfern zerschlagen werden, hergestellt. In etwas fortgeschritteneren Gegenden, z. B. in Städten, wird diese Arbeit von Motorsteinmühlen übernommen.
Gegen 22 Uhr sind wir ins Bett gegangen.
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