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Tag 16
Mittwoch, 01.08.1956 5331 - 5505 = 174 km, Vranje - Gostivar
4.30 Uhr sind wir aufgestanden. Von dem Bauer haben wir uns heute morgen 2 Liter Milch gekauft und uns nach dem Abkochen zu Gemüte geführt. Das Liter kostete 50 Dinar. Die alte Frau war heute auch recht freundlich. Warum hat sie gestern den Wassersack versteckt?
Etwa 8.50 Uhr waren wir mit allen Vorbereitungen fertig und fuhren ab. Je näher wir nach Macedonie n kamen, desto mehr veränderte sich die Landschaft: Die Hugel wurden allmählich zu Bergen, auf denen nur noch niedrige Büsche wuchsen. Sonst sah man weit und breit nur braunes trockenes Gras. In dieser öden Landschaft sah man wieder viele Schafe, die sich mit dem spärlichen Futter begnügten. Größere Tiere konnten davon auch nicht mehr existieren. Die Straßen waren weiter sehr schlecht. Die Fahrbahn der Brücken bestand oft aus Boh1en. Da sie sich je nach ihrer Härte verschieden schnell abfuhren und zu verschiedener Zeit erneuert wurden, waren sie in einem unbeschreiblichen Zustand.
Ab Vranje sahen wir nicht mehr so vie1e Kühe‚ dafür aber Wasserbüffel. Es sind eigenartige Tiere mit dicken, nach hinten liegenden Hörnern und wenigen langen Haaren. Die Tiere sind alle schwarz und werden häufig als Zugkräfte benutzt.
Über Bujanowac und Kumanowo ging es nach Skopje, der Hauptstadt Macedoniens, wo wir gegen 12 Uhr eintrafen. Hier mussten wir Pause machen, da Wolfgang am hinteren Schutzblech Bruch hatte. Wir suchten deshalb eine Werkstatt auf, die die Stelle auch sehr schnell wieder geschweißt hat. Alles kostete nur 200 Dinar, sehr billig!
Ich habe in der Zeit 20 DM beim Putnik getauscht. Gerade als wir in Skopje ankamen, war mein Benzin zu Ende gegangen. In Skopje direkt gab es aber keine Tankste1len, so dass wir etwa 4 km wieder herausfahren mussten‚ d.h. Wolfgang musste mich abschleppen. Dort außerhalb befand sich ein Benzinlager‚ das auch an Einzelkäufer Benzin abgab. 10 Liter habe ich getankt und so meine Benzinreserven wieder aufgefüllt. Nachdem wir dann zur Werkstatt gefahren waren und das Schutzblech geschweißt worden war, waren wir 15.50 Uhr mit den technischen Erledigungen fertig.
Die Maschinen haben wir in der Werkstatt stehen lassen und haben uns zu Fuß auf den Weg gemacht. Da sich allmählich ein gelinder Hunger bemerkbar machte, haben wir das nächste Restaurant aufgesucht und dort zu Mittag gegessen (Paprika-Tomaten-Kartoffeln-Fleisch-Reis-Eintopf). 
Anschließend haben wir uns die ältere Stadt diesseits der Vardar angesehen. Es gibt hier wieder viele Minarette wie in Sarajewo. Eine Moschee konnten wir besichtigen. Wir muten unsere Schuhe vor der Tür ausziehen und konnten dann den Innenraum betreten. Sie war vor 500 Jahren erbaut worden und innen der Moschee in Sarajewo sehr ähnlich, so wie sich auch unsere Kirchen in der Inneneinrichtung im Wesentlichen gleichen. Vor jeder Moschee befindet sich ein Brunnen mit vielen Wasserhähnen, wo die Moslems sich als rituelle Handlung die Füße waschen. Wir gingen dann weiter zum Sad Kula (Uhrturm) und der Sultanb-Murad-Moschee, die direkt neben dem Sad Kula steht. 
Ich habe übrigens noch vergessen, dass sich in der Moschee, die wir besichtigt haben, eine Standuhr befand, die die Uhrzeit von Mekka angab, nach der hier gebetet wird.
Die Straßen sind in einem so unbeschreiblichen Zustand, daß man nur schlecht fahren konnte. Von hier aus sind wir zu einer sehr alten christlichen Kirche (Sveti Spaß) gegangen (Abb. re. oben). Wir konnten sie aber leider nicht besichtigen, weil sie geschlossen war. Gegen 17 Uhr holten wir unsere Maschinen und fuhren auf einer unbeschreiblich schlechten Straße aus Skopje heraus (Abb. re. und re. unten).
Diese Straße führte uns wahrscheinlich gerade durch das ärmste Viertel. Die Häuser waren alle kurz vorm Einfallen. Jung und A1t saßen auf der Straße herum, und es wurde viel gefeilscht und gehandelt. Uns wurde bald angst und bange. Skopje liegt in einem etwa 20 km breiten Talkessel, in den wir von Vranje aus hinuntergefahren waren und aus dem wir jetzt allmählich in die macedonischen Berge hineinfuhren.
Macedonien macht hier seinem Ruf schon volle Ehre, da man viele Tabakfelder sieht. Durch ein Tal ging es anj der Vardart entlang bis nach Tetovo. Die Landschaft sieht fremd, aber interessant aus. Mit seinem niedrigen Buschwuchs und den braun-grünen Weiden macht sie schon einen recht südlichen Eindruck. Die Berge sind aber nicht karstig wie an der Adriaküste. Die Landwirtschaft beschränkt sich nur auf die Täler, da die Hügel und Berge zu trocken sind.
Hinter Tetovo kamen wir in das breite Tal der Vardar, hinter uns und rechts 2000 m hohe Berge. Man konnte sie im Dunst nur wie hinter einem Schleier sehen. Jeder Sonnenuntergang ist wieder anders. Heute ging sie durch das dunstige Wetter hinter den Bergen im Westen mit s ternartigen Strahlen unter.
In diesem Tal haben wir das erste Mal eine Schildkröte gesehen (Abb. re.). Sie lief über die Straße, ich hätte sie beinah überfahren. Es soll hier häufig Schildkröten geben, wie uns ein Macedonier erzählte. Es wird in diesem Tal viel bewässert, während man es sonst hier selten sieht.
Das Wasser ist das Hauptproblem im Sommer, und die Bauern müssen sich täglich mit der Bewässerung beschäftigen. Man leitet das Wasser über Gräben aus den Flüssen ab und verteilt es über kleine Furchen auf dem Acker. Dazu müssen jeden Abend von neuem die Furchen geöffnet und geschlossen werden.
In der Gegend von Svetozarevo, zwischen Belgrad und Skopje, hatten wir vor drei Tagen das erste Mal ein Schöpfwerk gesehen. Es bestand aus einem ganz aus Holz gearbeiteten Göpel, der von einem Ochsen gezogen wurde. Das Göpelwerk bewegte ein großes Rad, das mit Kanistern das Wasser aus einem Brunnen schöpfte.
Die gerade Straße durch das Vardar-Tal führte uns nach Gostivar, und von dort ging es wieder in die Berge.
 Da es allmählich dunkel wurde, mussten wir uns nach einem Zeltplatz umsehen. An der in Serpentinen sich in die Berge hinaufschlängelnden Straße haben wir dann noch einen brauchbaren Platz gefunden. Er lag ober halb der Straße auf einer Bergkuppe. Die dunklen Bergmassive rings herum und die an ihren Hängen liegenden erleuchteten Dörfer boten einen herrlichen Anblick. Auch die Dörfer im Vardar-Tal lagen alle an den Hängen der angrenzenden Berge, wohl wegen Überschwemmungsgefahr.
Nachdem wir unsere Zelte aufgebaut hatten und uns gestärkt hatten, haben wir uns 21.30 Uhr zur Ruhe gelegt.
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