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Tag 30
Mittwoch, 15.08 1956 (6956 - 7088 = 152 km), Mykene - Amaroussion/Athen
Um 6.30 Uhr aufgestanden. Während Wolfgang mir aus der Griechenlandkunde über Korinth vorgelesen hat, habe ich die Kupplung am Roller nachgestellt. Morgens hatten wir wieder Besuch von einigen Griechen, die auch wieder nach Zigaretten bettelten. Nach dem Abbauen der Zelte fuhren wir gegen 10 Uhr los.
Ohne große Steigungen überwinden zu müssen ging es zwischen Hügeln und Bergen hindurch nach Korinth, d. h. kurz vor der Stadt bogen wir nach links ab und fuhren nach Altkorinth. Schon viele Kilometer vorher konnte man Akrokorinth auf einem steilen Felsen liegen sehen. An dem Fuße dieses Berges liegt nach Norden Altkorinth. 
Wir stellten unsere Maschinen in den Schatten und haben dann das Ausgrabungsgelände besichtigt. Die Ausgrabungen sind hier von Amerikanern gemacht worden. Altkorinth lag unter einer mächtigen Erdschicht, die durch Regenfälle vom Berg herab gespült worden ist, nachdem Korinth vom Erdbeben mehrmals schwer heimgesucht worden war.
Vom griechischen Korinth ist nur noch der Apollo-Tempel (Abb. li.) aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. in frühdorischem Sti und die heilige Quelle vorhanden. Die anderen Bauten stammen von den Römern, die Korinth bei der Einnahme zerstörten. Von dem Apollo-Tempel aus, der über der Stadt auf einem Hügel steht und von dem jetzt nur noch sieben Säulen der Westseite erhalten sind, gelangt man über Treppen hinab zur Agora, dem römischen Marktplatz (Abb. re.), dessen Grundrisse noch gut erhalten sind. Der Marktplatz ist begrenzt von Läden, und zwar von den Westläden, den Nordwestläden und den Zentralläden. Letztere liegen vor einer großen Säulehalle, der Südstoa, die die ganze Südseite ausfüllt. Die Maße des Marktes betragen etwa 150m x 250m.
Hinter der Südstoa liegt zwischen den 55 Südmagazinen mit 52 Brunnen, die von der Peirene-Quelle gespeist wurden, das Rathaus, von dem heute nur noch der Marmorfußboden zu sehen ist. Vor der Südstoa liegt der Sockel für das Rednerpult. Von hier hat auch Paulus zu den Korinthern gesprochen.
Die Ostseite schließt ein großes Gerichtsgebäude ab. Neben dem Gerichtsgebäude führt eine Treppe durch die Propyläen zur Lechnaion-Straße hinab. Gleich rechts liegt hier das Quellhaus der Peirene mit vier Quellen (Abb. re. unten). Von drei Halbrunden, in denen sich Sitzgelegenheiten befinden, wird das Quellhaus nach Norden, Osten und Westen abgeschlossen. Dann folgt ebenfalls auf der rechten Seite der Peribolos des Poseidon und direkt daran anschließend die Latrinen, die aus Steinplatten in Sitzhöhe bestehen, in denen sich Löcher befinden (Abb. li.).
 Auf der linken Seite der Lechnaion-Straße befinden sich Läden. Die Lechnaion-Straße führte zum Hafen Lechnaion, westlich des Isthmus, während die Kenchreonstraße neben dem Rathaus zum Hafen Kenchreai östlich des Isthmus führte.
Vor den Westläden liegen einige kleine Tempel. Im Nordwesten befindet sich außerhalb der Agora ein zweites Quellhaus, das Glauke-Quellhaus, das ganz aus dem Felsen gehauen ist und ursprünglich nicht freistand wie heute. Die reichen Töpfereigegenstände, die in großer Zahl ausgegraben sind und aus den verschiedensten Jahrhunderten stammen, wurden aus dem Mergel hergestellt, auf dem Korinth lag.
Deshalb hat die Töpferei hier auch eine solche Blüte erlebt. Da der Mergel wasserundurchlässig und der darüber liegende Felsen porös ist, traten hier auch die Quellen zu Tage. Wenn man so auf dem antiken Gelände geht, hat man ein eigenartiges Gefühl der Vergänglichkeit. Vor ca. 2000 Jahren war hier auch reges Leben, und jetzt sind davon nur noch einige Trümmer übriggeblieben.
Das Museum haben wir anschließend besichtigt, in dem sich, wie schon gesagt, eine Menge Töpferwaren befinden, vom 3. Jahrtausend vor Christi bis zur byzantinischen Zeit. Außerdem findet man hier Skulpturen und Metallgegenstände (Bronz e, Gold). Nach der Besichtigung des Museums haben wir uns noch das Odeion für die Musikdarbietungen und das Theater für die Aufführung von Dramen angesehen. Beile sind mit dem Blick auf das Meer, d. h. den Golf von Korinth, also nach Norden gebaut worden, so dass die Besucher die Sonne im Rücken hatten.
Von Altkorinth aus fuhren wir hinab in die Ebene von Korinth, in der herrlich reifer Wein stand (Abb. re.), den wir reichlich gekostet haben. Neukorinth ist keine sehr große Stadt und liegt am westlichen Anfang des Kanals von Korinth, der etwa 6500m lang ist. Von Korinth aus fuhren wir dann auf die Höhe des Isthmus und auf einer Brücke hoch über den Kanal hinweg, der hier 80m unter uns lag. Die Wände sind sehr steil, so dass man den Eindruck eines tiefen Schachts hat. Auf der Brücke war das Photographieren leider verboten, wie überhaupt unverständlich oft in Griechenland.
Vom Isthmus fuhren wir dann auf der nördlichen Hälfte wieder an das Meer hinunter und durch die Küstenniederung weiter, oft direkt am Wasser. Über Megara kamen wir in die Gegend von Salamis, wo uns die Straße an den Bergen, die hier steil ins Meer abfallen, in wechselnder Höhe entlangführte. An der Insel Salamis ging es dann vorbei, um die Bucht von Eleusis herum und schließlich über eine Anhöhe hinweg in die Ebene von Athen. Von dieser Anhöhe, dem Aigaleos, aus lag das Häusermeer vor uns und inmitten der Häuser die Akropolis.
Beim Anblick der Landschaft kann man sich die Bildung der Stadtstaaten in den von Bergen umgebenen Ebenen gut vorstellen. Die nach Athen hineinführende Straße war sehr breit, etwa vierbahnig, während sonst die Straßen oft kaum zweibahnig sind. Mit einiger Mühe fragten wir uns zum deutschen Konsulat durch, das aber geschlossen hatte, da Mariä Namenstag war, ein griechischer Feiertag.
Da wir einen Zeltplatz brauchten, fuhren in nördlicher Richtung nach Amaroussion, einem Vorort von Athen. Hier haben wir in der Nähe der Straße in einem Haus angefragt, ob wir hier auf einem freien Stück Land unsere Zelte aufschlagen dürften. man erlaubte es uns sehr freundlich. Bald bekamen wir auch hier wieder Besuch, unter dem zwei Männer waren, die einigermaßen deutsch sprachen.
Der eine, Besitzer eines Magazins in Athen, lud uns in sein Haus zum Waschen ein, was wir auch gerne annahmen. Das Haus machte einen ordentlichen Eindruck, die Waschan1age und das WC im Keller waren aber unbeschreiblich, und zwar befand sich die Brause über dem WC, das aus einem Loch im Boden bestand. Er wollte uns unbedingt überreden, eine Dusche zu nehmen, was wir auch gerne getan hätten, aber wir wagten uns barfuß nicht auf das Gelände. Er dachte, wir genierten uns vor ihm, und wir ließen ihn auch besser bei dem Glauben. Nachdem wir uns nun unter einem Wasserhahn gewaschen hatten, haben wir uns etwas ernährt und sind dann mit dem Griechen, Panajotis Mpovoletis, etwas spazieren gegangen.
Zu Mariä Namenstag war hier in Amaroussion eine Art Rummel veranstaltet. Für uns war es sehr interessant zu sehen, wie man hier einen solchen kirchlichen Festtag begeht. Einige anscheinend internationale Vergnügungen haben wir bein Umherbummeln entdeckt, so z.B. das Karussel, das sich allerdings nur im Schneckentempo drehte, und das Riesenrad, das von einigen Männern bewegt wurde. Trotzdem hatten die Menschen viel Spaß, und das ist ja schließlich die Hauptsache.
Panajotis hat uns zum Schluß zu zwei Glas Bier eingeladen,und dann sind wir nach Hause gegangen. Um 24 Uhr haben wir uns zur Ruhe begeben.
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