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Tag 40
Sonnabend, 25.08.1956 (8082 - 8278 = 196 km), Delphi - Pharsala
Um 6 Uhr sind wir aufgestanden. Mit Todesverachtung haben wir den Rest der Weinsuppe von gestern heruntergewürgt. Wolfgang musste noch seine Luftmatratze flicken. Über den Bergen schwebten hier viele große Raubvögel, die wir für Geier hielten. Nachdem wir gepackt hatten, konnte es 10.50 Uhr weitergehen. Wenige Kilometer fuhren wir noch bis in das uns schon bekannte Städtchen Levadia.
Von dort aus gings auf der Straße nach Saloniki weiter. Im großen Bogen führte die Straße durch die Ebene um den Ausläufer des Parnassos herum und dann nordöstlich am Parnassos entlang. In Chaironaia, kurz hinter Levadia, haben wir uns das Löwendenkmal angesehen, das zum Andenken an die im Jahre 558 in der Schlacht gegen Philipp von Macedonien gefallenen Verteidiger der Freiheit der griechischen Stammstaaten aufgerichtet worden war. Der Löwe sitzt auf einem wuchtigen Sockel aus Stein und schaut ins Land. Umgeben ist das Denkmal von hohen, schlanken Zypressen.
Allmählich ging es wieder in vielen Schlängelungen, etwa von Amphiklia an, aufwärts. Soweit in der durchfahrenen Ebene Landwirtschaft möglich war, sahen wir einjährige Baumwolle. Die ganze Ebene von Boiotien war früher sumpfig und man sieht auch heute noch Reste davon.
An unserem Zeltplatz hatten wir am Morgen einen Mann gesprochen, der sich Moskito-Inspektor nannte. Vor etwa 10 Jahren hat in dieser Gegend durch den Sumpf begünstigt viel Malaria geherrscht. Der Moskito-Inspektor ist heute damit beschäftigt, die Moskitos ganz auszurotten. Er zieht mit einem Gehilfen und einer Glastrommel herum, in die die Moskitos gesaugt werden. Der Sumpf ließ die Boiotier schöpferisch und beweglich werden, so dass sie die Führung in Griechenland, die sie durch Theben eine Zeitlang innehatten, schnell wieder verloren.
Nachdem wir höher und höher geklettert waren, sahen wir plötzlich unter uns in der Tiefe die Ebene von Lamia. Hier mussten unserer Meinung nach die Thermopylen liegen. Nach langem Suchen wurde es uns an Hand des Buches klar, dass sie am Wasser liegen mussten‚ und so fuhren wir an dem steil abfallenden Hang in vielen Serpentinen abwärts bis in die Ebene und dort auf einer nach Osten abgehenden Straße ca. 10 km in Richtung auf das Meer. 
Dort fanden wir dann auch bald das links der Straße gelegene moderne, von König Paul gestiftete Denkmal, das einen griechischen Krieger in natürlicher Größe und darunter zu beiden Seiten einen Fries mit dem Kampf an den Thermopylen darstellt. Rechter Hand liegt neben der Straße der Leonidas-Hügel, unter dem der König begraben wurde. Hier ist der Rest der Spartaner über ihrem gefallenen Führer zusammengehauen worden. Auf dem Leonidas-Hügel liegt eine Tafel aus neuer Zeit mit einer Inschrift des Simonides.
Etwas oberhalb des Grabhügels steht noch ein Teil der Phokermauer. Diese Mauer sicherte die Straße nach Griechenland in antiker Zeit. Die moderne Straße führt jetzt durch das damals noch vom Meer bedeckte Gebiet.
Hier vor der Phokermauer sperrten im Jahre 480 die Griechen den Persern den Weg nach Böotien, und es kam zur Schlacht. Auf griechischer Seite standen 5500 schwerbewaffnete Krieger. Die Perser wurden aber von einem griechischen Überläufer auf einem Hirtenpfad durch das Gebirge in den Rücken der Griechen geführt. Da die Lage jetzt aussichtslos war, schickte Leonidas die meisten Griechen in die Heimat und blieb mit den 500 Spartanern, den 700 Böotiern und 400 Thebanern, deren Land am nächsten bedroht war, an Ort und Stelle. Bevor die Perser in den Rücken der Griechen geführt waren, hatten sie durch einige fingierte Fluchtmanöver der Griechen hohe Verluste erlitten. D e Spartaner fielen alle im Kampf, während sich die anderen Griechen ergaben.
Die warmen Quellen, nach denen Thermopylai seinen Namen hat, sind auch heute noch nicht versiegt. Sie müssen sehr S-haltig sein, da es in der Umgebung unangenehm nach Schwefelwasserstoff riecht. An den Quellen ist ein Heilbad errichtet worden. Das nicht benötigte Wasser fließt am Hang entlang bis zum Schlachtfeld in einem Betonbett und ergießt sich dann über die Ebene ins Meer. Wahrscheinlich sind die Quellen auch früher hier abgeflossen, weil eine dicke Kruste von grau-gelblichem Sediment das Land hier bedeckt und keine Vegetation zulässt. Dieses Sediment wird gesiebt und für die Heilbäder verwendet.
Von den Thermopylen fuhren wir auf die Asphaltstraße zurück und dann nach Lamia. Kurz vor der Stadt ging mir das Benzin aus, so dass ich erst ein Stück schieben und mich dann von Wolfgang abschleppen lassen musste, der in der Zwischenzeit getankt hatte. Nach dem Tanken haben wir Einkäufe gemacht, da morgen Sonntag ist, und sind dann weitergefahren. 
Lamia liegt am Hang der Berge an der Nordseite der Ebene. Steil ging es wieder hinauf in die Berge auf ca. 800 m Höhe. Von hier aus konnten wir die ganze Ebene von Lamia bis zu den gegenüberliegenden Bergen und dem Meer überblicken. Die Berge an der Nordseite fallen von teils 2000 m schroff ab, die Nordseite erhebt sich dagegen langsam. Dann fuhren wir hinunter in eine Hochebene, in der ein See liegen sollte, den wir aber nicht sehen konnten. Am Rande der Hochebene stieg die Straße wieder in Windungen an, und wir hatten schließlich einen herrlichen Blick auf die sich tief unter uns ausbreitende Ebene, in der Pharsala liegt.
Die Berge haben auch hier die eigenartig abgerundete Form und steigen teils flach, teils steil aus der Ebene auf. Die Ebene von Pharsala ist im Süden, Osten und Westen von Bergen umgeben und bietet das Bild einer Bratpfanne, jedenfalls von der Höhe aus, da die bei Pharsala im Norden liegenden Berge die Umgrenzung schließen. Ist man um diese Berge herum, öffnet sich die Ebene weit nach Norden. Eine Ebene ohne sichtbares Ende habe ich in Griechenland noch nicht gesehen.
Kurz vor Pharsala, das am Hang einer ca.1000 m hohen Erhebung liegt, haben wir uns an einer Fernfahrer-Raststätte gewaschen. Diese Raststätte hat aber nur mit den deutschen den Namen gemeinsam. Dort haben wir auch Wasser getankt. Einige Kilometer hinter dem ärmlichen Pharsala haben wir dann in der Nähe der Straße auf einem Stoppelfeld unsere Zelte aufgeschlagen. Nach dem Kochen und Essen ging es 22 Uhr in die Kojen.
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