Griechenland 1956 Überschrift

Tag 37

Mittwoch, 22.08.1956 (7755 — 7787 = 52 km), Athen

Um 7.30 Uhr sind wir aufgestanden. Wir waren wohl ziemlich müde gewesen. Ich habe einen Brief an die Eltern und eine Karte an Dieter Köhler geschrieben, während Wolfgang zu einer Werkstatt gefahren ist, um seine Lenkungslager einzufetten.

15.45 Uhr sind wir in die Stadt gefahren. Zuerst wollten wir unsGR192 die langen Mauern ansehen, die nach Piräus führten, wir haben aber nichts mehr gefunden. Sie gingen vom Philopappus-Hügel und westlich der Pnyx bis zum Hafen. Danach sind wir zum Theseion, besser Hephaisteion, gefahren, das oberhalb des griechischen Marktes in der Nähe der Akropolis liegt. Es ist der besterhaltenste Tempel Griechenlands, da er in christlicher Zeit als Kirche benutzt wurde.

Das heutige Kuppeldach ist erst später eingezogen worden. Ursprünglich war er mit einem flachen Giebeldach bedeckt. Ein Fries an der inneren Wand, der Wand der Zella, stellt den Kampf zwischen Menschen im Beisein der Götter dar. Die Metopen über der äußeren Säulenreihe zeigen Herakles und Theseus bei ihren Heldentaten. Daher auch die eigentlich falsche Bezeichnung des Tempels als Theseion. Der Tempel ist zu Ehren des Hephaistos gebaut worden. Er ist nicht sehr groß, entspricht aber den in Griechenland allgemein üblichen Maßen.
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Unterhalb liegt die Agora‚ die von den Amerikanern ausgegraben wird. Auch hier sind nur die Grundrisse mit einigen Baugliedern erhalten. Im Osten wird der Markt durch die große Attalos-Halle und nach Süden zur Akropolis hin durch die miteinander verbundenen Mittel- und Südhalle abgeschlossen. In der Mitte befindet sich ein Odeion, dessen Eingang zwischen vier das Dach der Vorhalle tragenden Giganten liegt.

Im Westen liegen die Zeus- und Königshalle, der Tempel der Meter (Metroon), in dessen Grundriss später römische Häuser eingebaut sind, und der Tholos. Dahinter befindet sich das in die Böschung eingearbeitete Bouleuterion. Im Norden liegt der Ares-Tempel. Die alte Panathenäen-Straße durchzieht die Agora etwa von Nord nach Süd in Richtung auf die Akropolis.
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Die Attalos-Halle ist jetzt nach den ausgegrabenen Resten wieder völlig renoviert worden und wird als Museum eingerichtet. Hinter der Attalos-Halle im Osten liegt der römische Markt, der im Gegensatz zum griechischen mit seiner Rechteckform ein einheitliches Bild zeigt. Er besteht aus einem recht gut erhaltenen Säulenrechteck, hinter dem die Verkaufsstände lagen.

Etwas östlich eines Tores zum römischen Markt steht der noch gut erhaltenen Turm der acht Winde. Er ist achteckig und zeigt auf jeder Seite das Relief eines Windgottes. Ebenfalls auf jeder Seite befindet sich eine Sonnenuhr. Im Inneren war früher eine Wasseruhr, an der man die Zeit durch Höhe des Wasserstandes ablesen konnte. Der Turm stammt aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., der römische Markt aus der Augustus- Zeit.

Nördlich vom römischen Markt liegt der von Hadrian gestiftete Markt, der auch Hadrians-Bibliothek genannt wird. Hier sind die Mauern wohl noch in voller Höhe erhalten. Anschließend haben wir den Hügel zwischen Pnyx und Akropolis bestiegen, ein Felsblock, auf dem der Gerichtshof tagte. Hier wurde unter anderen auch Demosthenes verurteilt. Diese Tagungsstätte heißt Areopag. GR193

Weiter westlich liegt der Versammlungsort der freien Athener, die Pnyx, die von einem abfallenden Felsplateau gebildet wird. Die Versammlungen fanden hier seit Verkündigung der demokratischen Verfassung durch Kleisthenes statt. Später hielt man die Versammlung im Dionysos-Theater ab, nachdem man dort Sitzbänke eingebaut hatte.

Nach Nordwesten ist die Pnyx durch eine erhaltene Stützmauer aus riesigen Quadern abgegrenzt. Im Südosten liegt die Rednerbühne und ein Altar. Von hier aus verkündete Paulus, dass der von den Alten schon immer verehrte unbekannte Gott, dem auch
reichlicg geopfert wurde, der christliche Gott sei. GR191

Dann sind wir noch zum Dipylon und der außerhalb des Tores und der Mauer liegenden Gräberstadt gefahren. Dieses Tor mit Mauer wurde von Themistokles in aller Eile kurz nach der Schlacht bei Salamis wegen der Persergefahr gebaut. Im 4. Jahrhundert wurde beides erneuert und verstärkt, da hier die tiefste und damit auch gefährdetste Stelle der Stadt lag. Philipp von Macedonien bedrohte damals das Land.

Man kann die Grundrisse Doppeltores (Dipylon) noch gut erkennen. Durch dieses Tor führte die Staatsstraße zur Akademie des Platon. Ein zweites Tor daneben gewährte einem Bach und der Straße nach Eleusis Durchtritt. Zwischen diesen beiden Toren liegt das Pompeion (Aufbewahrungsstätte der heiligen Geräte für die Pompe = Festzug). Viele Steinkugeln befinden sich noch aus der Zeit der Belagerung durch Sulla im Jahre 86 v. Chr..

Kurz vor der heutigen Piräus-Straße liegen noch gut erhaltene Familingrabstätten aus der damaligen Zeit. An der Staatsstraße kann man links die Reste eines Schwitzbades sehen und etwas weiter das Lakedaimonier-Grab, das zu Ehren der bei der Befreiung von den 30 Tyrannen gefallenen Lakedaimonier errichtet wurde. GR195

Vor diesem Grab an der Westseite der Staatsstraße stehen Marmorpfeiler, die die Grenze des Stadtbezirkes Kerameikos anzeigten. Hier arbeiteten die Töpfer = Kerameus, woher unser Name Keramik stammt. In der Nähe wurden auch die im ersten Jahr des peleponesischen Krieges gefallenen Athenern durch Staatsbegräbnis im Polyandreion beigesetzt, für die Perikles die berühmte Leichenrede hielt.

19.15 Uhr mußten wir das Gelände verlassen, da es geschlossen wurde. Wir fuhren dann in die Stadt und wollten Geschenke kaufen, mussten das Vorhaben aber bald aufgeben, da die meisten Geschäfte Mittwoch Nachmittag geschlossen haben.

20.30 Uhr waren wir wieder zu Hause. Wir haben uns gewaschen und Essen gekocht. Dann bin ich mit Panajotis ins Kino gegangen, während Wolfgang spazieren gegangen ist. Das Kino besteht aus einem von einer Mauer umgebenen Hof mit einer Leinwand am Ende. Man sitzt hier also unter freiem Himmel. Da nur ein Vorführapparat vorhanden ist, werden während des Umspulens Pausen eingelegt. In dieser Zeit werden Getränke verkauft, und es entspinnt sich eine rege Unterhaltung. Während der Vorstellung macht auch jeder, was er will. Es wird geraucht, gegessen und sich unterhalten. Kleine Kinder findet man in der Spätvorstellung von 22.30 - 24.30 Uhr auch noch. Als ein Baby während der Vorstellung anfing zu weinen, ging der Vater mit dem Kind auf dem Arm auf dem Mittelgang mit knarrenden Schuhen spazieren. Es ist also etwas anders als bei uns. Man sieht daran, dass der Schwerpunkt des täglichen Lebens wegen der Hitze abends liegt. Andere Länder, andere Sitten. 24.45 Uhr habe ich mich schlafen gelegt.

 

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